Garmisch-Partenkirchener Tagblatt vom 05.10.2009:
Gras und Rüben gegen den Hunger
Holocaust-Überlebender Abba Naor spricht vor Schülern
VON JULIA PAWLOVSKY
Ettal - Abba Naor kam nicht ans
Benediktinergymnasium Ettal, "um anzuklagen, sondern um Zeugnis
abzulegen". Wörtlich sagte der Litauer, der im Dritten Reich drei
Konzentrationslager überlebt hat: "Ich glaube nicht an Kollektiv-Schuld,
sondern an Kollektiv-Verantwortung."
Der heute 81-Jährige erzählte den
Schülern der 9. bis 13. Klassen von seinen Erlebnissen in den Lagern.
Stefan Moll, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums, leistet derzeit sein
freiwilliges soziales Jahr an der KZ-Gedenkstätte Dachau und konnte so
den Kontakt zu dem Holocaust-Überlebenden herstellen.
Ettals Schulleiter Pater Maurus Kraß
begrüßte den Gast mit einem passenden Wort aus dem Buch Hiob: "Ich
bin entronnen, um Zeugnis abzulegen." Abba Naor sagte, er sei es
denjenigen schuldig, die es nicht geschafft haben, an diese Zeit zu
erinnern: "Solange ich von ihnen rede, sind sie noch lebendig."
Mit dem Vater im Viehwaggon nach Dachau
Mit 13 Jahren wurde Naor mit seinen
Eltern und den beiden Brüdern in das Ghetto in Kaunas (Litauen) gesperrt.
Kurze Zeit später wurde Naors älterer Bruder erschossen. Einige Monate
später mussten sich alle Insassen versammeln und wurden willkürlich in
zwei Gruppen aufgeteilt. Abba Naor und seine Familie hatten
unbeschreibliches Glück: Sie entgingen dem sicheren Tod. Als ein Jahr vor
Kriegsende SS-Truppen das Lager evakuierten und die Insassen nach Danzig
transportierten, kamen Männer und Frauen in getrennte Lager in Stutthof.
Aus diesem KZ wurden die Mutter und Abbas kleinerer Bruder schließlich
nach Auschwitz deportiert.
Auch Naor selbst und sein Vater blieben
vom Konzentrationslager nicht verschont. Eines Nachts trieben SS-Schergen
die Gefangenen in einen Viehwaggon - Zielort war Dachau. Im Außenlager
Kaufering musste der damals 16-jährige Abba Schwerstarbeit verrichten.
Die Verpflegung bestand lediglich aus einem schwarzen, Kaffee-ähnlichen
Getränk morgens und einer Suppe mit einem Stück Brot abends. Jeder
Zweite überlebte nicht. Der junge Litauer arbeitete zunächst als Lokomotivführer.
Jeden Tag kam er auf seinem Weg zur Kiesgrube an einem Feld vorbei, auf
dem er Rüben klauen konnte. War dies auch lebensgefährlich, so konnte er
dadurch überleben. Naor: "Es gab drei wichtige Dinge, um im Lager zu
überleben: Freunde haben, aufpassen, organisieren."
2. Mai 1945: "Mein Tag der Befreiung"
In der Hoffnung seinen Vater zu finden,
meldete sich Abba für das Außenlager Landsberg. Im April 1945 war er
dann unter denen, die auf einen Todesmarsch zur Schweizer Grenze geschickt
wurden. Die Männer hatten so Hunger, "dass wir
unterwegs sogar Gras aßen". Am 1. Mai übernachtete die Gruppe in
Waakirchen (Landkreis Miesbach). Als Naor am nächsten Morgen aufwachte,
gab es keine Wachen mehr: "Der 2. Mai war für mich der Tag der
Befreiung, und das Gefühl, überlebt zu haben, einfach
unbeschreiblich."
Die Schilderung der Erlebnisse
hinterließ bei den Ettaler Schülern einen tiefen Eindruck - weit mehr,
als es gedruckte Berichte wie in Geschichtsbüchern je vermögen. Mit
einer kleinen Spende für die Vereinigung der Überlebenden der
Außenlager des KZ Dachau verabschiedete Direktor Pater Maurus den
Vortragenden in der Rosner-Aula.